Anlegerbrief September 2019

Börse aktuell: Zins-Absurdistan

Sehr geehrter Anleger,

mit den Zinsen stimmt was nicht. Das ist Privatanlegern schon lange klar. Aber Besserung ist nicht in Sicht – ganz im Gegenteil!
Lesen Sie außerdem, warum sich am Zinsmarkt die Lage verschärft hat, und wie Silber dem Big Brother Gold nacheifert.



Börse aktuell: Zins-Absurdistan

Die Europäische Zentralbank EZB lässt sich trotz vielfacher Kritik nicht beirren und hat vor kurzem neue Maßnahmen angekündigt, das Zinsniveau niedrig zu halten bzw. zusätzlich zu drücken. Der Basiszinssatz der EZB sinkt um weitere 0,10% auf nun -0,50%. Auch Anleihenkäufe sollen wieder aufgenommen werden. Damit dehnt sich die Blase am Rentenmarkt zwangsläufig noch mehr aus und treibt mittlerweile skurrile Blüten.

Paradebeispiel sind die Deutschen Bundesanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren. Sie sind am europäischen Anleihemarkt das Maß aller Dinge. Alles orientiert sich an der Entwicklung der "Bunds" wie die deutschen Staatspapiere international genannt werden.
Doch was sich derzeit bei den Bundesanleihen - und abgeleitet daraus auch bei anderen Staats- und Unternehmenspapieren - abspielt, ist absurd. Investoren stürzen sich geradezu auf die Schuldtitel. Das treibt die Kurse immer weiter nach oben und im Gegenzug die Renditen nach unten. Auf bis zu minus 0,74% ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen im Tief gefallen. Damit hat sie ein neues absolutes Rekordtief markiert und fällt nochmals 0,60% tiefer unter das alte historische Minus kurz nach dem Votum der Briten gegen die Europäische Union. In diesem Jahr ging es unter Schwankungen kontinuierlich bergab.

Das bedeutet: Wer der Bundesrepublik Deutschland Geld leiht, bekommt das nicht vergütet, sondern zahlt drauf. Das gilt seit August für alle deutschen Staatsanleihen - selbst für die mit der langen Laufzeit von 30 Jahren. Da gab es sogar eine Premiere der besonderen Art: Als erste Nation hat die Bundesrepublik eine 30-jährige Anleihe ohne Kuponzins auf den Markt gebracht. Die Auktion dieser Neuemission erbrachte laut Bundesbank eine durchschnittliche Rendite von minus 0,11%, d.h. der Staat verdient mit der Anleihe sogar noch Geld statt etwas zu zahlen. Es ist die niedrigste Rendite, die je bei einer Auktion der 30-jährigen Bundesanleihe erzielt wurde.
Mit der Emission einer Nullzins-Anleihe über 30 Jahre betritt der Bund Neuland: Die wichtigste langfristige Benchmark-Anleihe in der Euro-Zone wirft nun keine regelmäßigen Zinserträge mehr ab. Negative Renditen für Anleihen gelten an den Märkten bereits als neue Normalität. Sie setzen sich aus dem Kurs einer Anleihe und dem Kuponzins zusammen. Übersteigt der aktuelle Kurs den Rückzahlungsbetrag inklusive Zinsen ist die Rendite negativ. Doch das selbst die jährlichen Zinszahlungen entfallen, ist ein Novum. Noch vor einigen Jahren war dies nur für kurzfristige Geldmarktpapiere mit einer Laufzeit von drei Monaten denkbar. 2016 hat die deutsche Finanzagentur schließlich erstmals eine zehnjährige Anleihe mit einem Null-Prozent-Kupon begeben. Dass der Trend auch vor dreißigjährigen Papieren nicht Halt macht, war erwartet worden, denn der Kuponzins orientiert sich üblicherweise an den zur Emission vorherrschenden Marktrenditen. Seit einigen Wochen befindet sich die gesamte Zinskurve Deutschlands im negativen Bereich. Dennoch markiert die bis 2050 laufende Nullzins-Anleihe einen neuen Höhepunkt der Anleihenrallye. Ende August hatte die 30-jährige Bundesanleihe bei minus 0,27% ein neues Allzeittief markiert.

Die Entwicklung bei den Bundesanleihen drückt die Renditen im kompletten Euro-Raum mit nach unten. In der Euro-Zone rentieren fast 90% aller Staatsanleihen im Minus, bei Unternehmensanleihen mit guter Bonität sind es mehr als 30%. Das zeigt: Am Anleihemarkt hat sich eine gigantische Blase aufgepumpt.
In den USA steht bei den Renditen zwar noch ein Plus vor dem Komma, mit aktuell 1,8% nähert sich die Rendite zehnjähriger US-Papiere aber ihrem ebenfalls im Sommer 2016 erreichten Rekordtief von unter 1,4%. Auch die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen kommt mit weniger als 2,3% ihrem Allzeittief immer näher. Real, also unter Berücksichtigung der Inflationsrate von zuletzt 1,6%, verlieren Anleger auch mit US-Staatsbonds bis zu einer Laufzeit von neun Jahren Geld. In Deutschland drückt die Inflationsrate von zuletzt 1,1% die Real-Renditen noch tiefer ins Minus.

Ein Ende des allgemeinen Renditeverfalls sehen Analysten und Volkswirte zwar noch nicht, aber sie warnen, dass die schädlichen Nebenwirkungen der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank immer stärker werden.

Anleihenmarkt: Angst und Unsicherheit treiben die Kurse

Anleihenmarkt: Angst und Unsicherheit treiben die Kurse

Die Angst vor einer Eskalation des internationalen Handelskonflikts hatte die Renditen für lang laufende Staatsanleihen weltweit auf Allzeittiefs gedrückt. Die Renditen fallen immer weiter angesichts eines schwächeren Wirtschaftsausblicks und niedriger Inflation. Eine Rezession ist mittlerweile deutlich wahrscheinlicher als noch vor einigen Jahren. Daher suchen Investoren nach sicheren Anlagen. In den vergangenen Monaten waren viele Anleger auf langfristige Papiere ausgewichen, weil dort noch ein positiver Kupon-Ertrag zu holen war. So war die österreichische 100-jährige Anleihe, die noch einen Kupon von zwei Prozent abwirft, mit über 80% Kursanstieg seit Jahresbeginn nicht nur das beste Investment im Zinsbereich, sondern übertraf selbst den Aktienmarkt.

Der Run auf Rentenpapiere ist absurd. Die Flucht in Anleihen könnte aber noch eine Weile weitergehen, denn es gibt Gründe, die miteinander zusammenhängen:

Rezessionsängste
Die Angst vor einer Rezession ist unter Anleiheinvestoren offensichtlich besonders ausgeprägt. Wenn es hart auf hart kommt, sind Anleihen die sicherere Alternative im Vergleich zu Aktien. Bei Zinspapieren von soliden Staaten und Unternehmen gehen Anleger davon aus, dass der Schuldner das geliehene Geld zurückzahlt. Hier gibt es letztlich nur leichte Unterschiede, die sich im Euro-Raum an den Risikoaufschlägen zu Bundesanleihen und in den USA an den Aufschlägen zu US-Staatsanleihen zeigen. Die Abstriche selbst durch eine negative Verzinsung nehmen Anleger, die eine Rezession fürchten, in Kauf, weil sie bei einem Wirtschaftseinbruch bei Aktien noch viel mehr Geld verlieren würden.
Aktuell sind die Aktienmärkte in einer Konsolidierungsphase und werden von politischen Nachrichten hin- und hergeworfen. Auch die Preise von konjunktursensitiven Rohstoffen wie zum Beispiel Öl und Kupfer stehen unter Druck. Die meisten Ökonomen glauben zwar noch nicht, dass eine Rezession unmittelbar bevorsteht. Doch Stimmungsindikatoren wie der fallende ifo-Index, sinkende Einkaufsmanagerindizes und rückläufige Auftragseingänge verheißen nichts Gutes. Viele Unternehmen haben gerade in Europa ihre Gewinnerwartungen schon deutlich reduziert.
Aber Rezessionsängste kommen zunehmend auch in den USA auf. Denn dort rentieren kurzlaufende Geldmarktpapiere höher als Anleihen, die erst in zehn Jahren zurückgezahlt werden. Der Abstand ist so groß wie zuletzt vor zwölf Jahren. Üblicherweise verlangen Investoren für langfristige Anleihen mehr Zinsen als für kurzfristige, weil mit der Laufzeit die Risiken steigen. Dreht sich dieses Verhältnis um, spricht man von einer inversen Zinskurve. Sie gilt an den Finanzmärkten als Warnsignal für eine kommende Rezession - und verstärkt so die Unsicherheit.

Politische Unsicherheit
Einer der Auslöser für die Rezessionsängste ist das große Hin und Her in der Politik. Mal geht es um den BREXIT, mal um Handelsstreit zwischen USA und China, der sich immer weiter zuspitzt und auch die Devisenmärkte in Atem hält. US-Präsident Donald Trump droht mit immer noch höheren Strafzöllen auf chinesische Importe. China will im Gegenzug keine Agrarprodukte mehr aus den USA importieren.
Der Freihandel zwischen den beiden Ländern käme damit komplett zum Erliegen. Der Handel zwischen USA und China ist ohnehin bereits schon stärker eingebrochen als während der Finanzkrise. In unserer globalisierten Welt mit ihren Verflechtungen und Lieferketten trifft das die Wirtschaft hart. Falls der gordische Knoten zwischen den beiden Kampfhähnen nicht doch noch gütlich gelöst werden sollte, wird eine Rezession für Europa und wahrscheinlich auch für die USA kaum noch zu vermeiden sein.

Geldpolitik
Die Notenbanken haben auf die sich verschlechternden Wirtschaftsdaten reagiert und die Kehrtwende in ihrer Geldpolitik weg von höheren hin zu niedrigeren Zinsen eingeleitet. Formell berufen sich die US-Notenbank (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) dabei auf die gesunkene Inflation, die sie zum Handeln zwingt. Die Fed hat Ende Juli zum ersten Mal seit zehn Jahren die Leitzinsen gesenkt. Fed-Chef Jerome Powell hielt sich mit der Ankündigung weiterer Zinssenkungen zwar noch zurück, aber Investoren spekulieren weiter darauf. Im Euro-Raum hat die EZB ihren Basiszins soeben nochmals abgesenkt und das Anleihekaufprogramm wieder aufleben lassen.

Spekulation
Am Anleihemarkt geht es institutionellen Investoren wie zum Beispiel Fonds weniger darum, ihr Kapital zu erhalten. Sie spekulieren vor allem auf Kursgewinne. Die Ängste vor einer Rezession, die verunsichernden Tweet-Attacken von Donald Trump und die Hoffnung auf billiges Geld der Notenbanken - das alles lässt Investoren darauf hoffen, dass die Kurse noch weiter steigen.
Dabei sind die bisherigen Kursgewinne erschreckend hoch - und illustrieren ihrerseits die Blasenbildung. Das gilt besonders dann, wenn man sich lang laufende Anleihen ansieht, bei denen die Kurse stärker schwanken als bei Kurzläufern. Der Kurs der 30-jährigen deutschen Bundesanleihe ist seit Jahresanfang um rund 25% gestiegen. In den USA stieg der Kurs der 30-jährigen Anleihe um 15%. Das sind Wertzuwächse, wie man sie sonst nur vom Aktienmarkt kennt. Lang laufende Staatspapiere haben zum Teil mehr zugelegt als z.B. der DAX, dessen Jahresplus auf aktuell immerhin gute 15% kommt.

Unsere Einschätzung:
Kurzfristig ist bei Bundesanleihen nicht zu erkennen, dass der Trend zu negativen Renditen zum Stillstand kommt. Auch bei US-Anleihen scheint es nur eine Frage der Zeit, bis neue historische Tiefs markiert werden. Für Privatanleger macht ein Zins-Investment aktuell keinen Sinn - im Gegenteil: Wer die Staatsanleihen bis Endfälligkeit hält, macht bei Minusrenditen einen garantierten Verlust und nimmt auch noch erhebliche Kursrisiken während der Laufzeit in Kauf.

Silber: Kleiner Bruder holt auf

Silber: Kleiner Bruder holt auf

Gold glänzt wieder. Nach einer langjährigen Baissephase bringt es die Augen der Anleger nun wieder zum Leuchten. Mit 1.555 USD erreichte die Feinunze ein neues Jahreshoch. Soviel musste letztmals 2013 bezahlt werden. Die Gold-Auguren sehen sogar noch weiteres Aufwärtspotential Richtung 1.700 USD.

Und was ist mit Golds kleinem Bruder Silber? Lange Zeit schien das Schwester-Edelmetall im Dornröschenschlaf zu verharren, hat sich aber nun ebenfalls zackig zurückgemeldet. Ein Indikator, wie sehr Silber seinem Gold-Pendant hinterherhinkt, liefert das Gold-Silber-Ratio, das mit einem Stand über 90 einen langjährigen Höchstwert erreichte, so hoch wie Anfang der 1990er Jahre. Das Ratio zeigt an, wie viele Feinunzen Silber nötig sind, um eine Feinunze Gold zu kaufen. Historisch betrachtet hatten extreme Werte nie lange Bestand, was dafür sprechen könnte, dass wenn der Goldpreis weiter steigt, der Silberpreis künftig umso mehr zulegen könnte. Mittlerweile hat sich auch die Stimmung im Silbermarkt gedreht: Von fallenden Preisen bei Silber geht nun nur noch eine Minderheit der Anleger aus. Ausgelöst wurde das Interesse vor allem durch die Goldrallye. In deren Sog wird der kleine Bruder üblicherweise mitgerissen. Ohnehin gilt Silber als unterbewertet gegenüber Gold.

Einziger Wermutstropfen: Silber ist ein Zwitter aus Edel- und Industrie-Metall. Von der Industrieseite, wo mehr als die Hälfte des globalen Silbers verbraucht wird, kommt allerdings aktuell wenig Unterstützung. Es existiert ein leichtes Überangebot, zudem dämpft der globale wirtschaftliche Abschwung die Nachfrage. Silber ist daher implizit konjunkturabhängiger und insgesamt ohnehin schwankungsträchtiger als der große Bruder. Die Feinunze Silber ist aufgrund ihres überschaubaren Wertes auch für Kleinanleger leicht zugänglich. Aber Vorsicht: Das Marktvolumen ist relativ eng. Immer wieder gab es Preismanipulationen am Silbermarkt. Wer ein Wertaufbewahrungsmittel sucht, fährt mit Gold unter Umständen stressfreier.

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