Anlegerbrief April 2020

Börse aktuell: Corona-Krise 2.0

Sehr geehrter Anleger,

nach dem desaströsen März atmet die Börse zur Zeit etwas durch. Doch vom „Normalzustand“ sind wir noch Monate entfernt.
Lesen Sie außerdem welche Auswirkungen Corona auf die Dividenden-Saison haben könnte, und wie sich die aktuelle Aktienmarkt-Krise in frühere Crashs einreiht.

Börse aktuell: Corona-Krise 2.0

Das grassierende Coronavirus hat die Welt zum Stillstand gebracht. Auch an den Kapitalmärkten schien zeitweise ein Shutdown nahe. Die Aktienmärkte verzeichneten die heftigsten Tagesverluste seit der Finanzkrise vor über zehn Jahren. Die Börse war im Panik-Modus - gemessen am Volatilitätsindex VDAX, der in nie gekannte Höhen schoss. Doch seit Ende März fangen sich die Kurse etwas, immerhin verbessert sich die Viruslage leicht.
Doch gerade in den USA scheint das medizinische Chaos noch größer als in Europa und die US-Arbeitslosenzahlen sind geradezu explodiert - von quasi Vollbeschäftigung auf über 20 Millionen verlorene Jobs. Die Kursreaktion auf die Arbeitsmarktzahlen war überraschenderweise dennoch positiv. Ist das wieder die gleiche Ignoranz, die der Markt bereits Anfang des Jahres an den Tag gelegt hat, als das Virus zunächst nur in China wütete und hier die Kurse noch auf neue Höchststände stiegen!?

Die Börse vertraut wohl darauf, dass die wirtschaftliche Vollbremsung nur vorübergehend bleibt und zügig wieder ein gewisser „Normalzustand“ einkehrt. Börsianer sind Optimisten und Menschen leben von Hoffnung und Perspektiven. Doch es wird immer deutlicher, dass die Rückkehr zum „Normalzustand“ sehr stark von einem Impfstoff abhängt. Da mag Mr. Trump noch so sehr für sich in Anspruch nehmen, die Corona-Krise nach seinem Gutdünken für beendet deklarieren zu können.

Immerhin sind nicht alle Unternehmen und Branchen gleichermaßen von der Krise betroffen. Vor allem Technologiewerte haben seit den Tiefständen Mitte März schon wieder kräftig zugelegt. Sie zählen sogar eher zu den Gewinnern der Krise. Einer der Hauptprofiteure - Amazon – hat sogar neue All-Time-Highs erklommen.
Sicherlich ist der Optimismus der Börse, dass sich die wirtschaftlichen Auswirkungen in Grenzen halten werden oder zumindest im nächsten Jahr eine umso stärkere Erholung folgt, auch der Hilfsgelder-Schwemme geschuldet, die momentan flächendeckend in der westlichen Welt ausgekippt wird. Mit dem Zählen der Hilfsprogramme seitens der Politik und der Notenbanken kommt man schon nicht mehr hinterher. Schwindelerregende Summen wurden da aufgerufen. Man wundert sich ein wenig, wo diese Töpfe vorher waren, als es zumindest in Deutschland/Europa immer nur ums Sparen und tendenziell höhere Steuern ging!?

Aktien: Dividenden-Saison durch Corona gefährdet

Hauptversammlungen abgesagt

Das Coronavirus hat zur allgemeinen Kontaktsperre und zur Absage sämtlicher Präsenzveranstaltungen geführt. Das zweite Quartal ist normalerweise Hochsaison für Aktionärsversammlungen und auch hier drohen zumindest deutliche zeitliche Verschiebungen, mit gravierenden Folgen für Anteilseigner: Sie müssten dann wohl zunächst erst mal auf ihre gewohnte Dividenden-Ausschüttung verzichten.

Zwar gibt es grundsätzlich die Möglichkeit – je nach Größe des Unternehmens – auf eine Telefonkonferenz oder auf Videoübertragung/Streaming auszuweichen, aber auch das will bei Großveranstaltungen wie bei Deutsche Telekom oder Daimler mit immerhin 2500 bzw. 5000 Teilnehmern erst einmal organisiert sein.
Muss ein Unternehmen eine Hauptversammlung (HV) wegen Corona absagen, beispielsweise weil es entsprechende Auflagen von den Gesundheitsbehörden gibt, dann können auch wichtige Beschlüsse nicht gefasst werden, etwa zur Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat, aber auch zur Dividende. Eine fehlende Entlastung der Gremien wäre dabei wohl noch kein Drama, weil sie ohnehin keine rechtlich bindenden Folgen hat. Stehen dagegen Wechsel im Vorstand oder Aufsichtsrat an, können Sie notfalls per Gerichtsbeschluss umbesetzt werden.
Problematischer wird es schon beim Dividendenbeschluss. Muss die HV zunächst abgesagt werden, können die Unternehmen die Veranstaltung bis zu acht Monate nach Beginn des neuen Geschäftsjahres verschieben. Deutsche Telekom und Daimler haben bereits eine Verschiebung angekündigt. Selbst eine Überschreitung der acht Monatsfristen gilt als möglich. Ein Beschluss zur Dividende bliebe damit aber aus. Reine Online-Beschlüsse, also ohne Präsenz-Hauptversammlung, sind in Deutschland nicht möglich. Damit unterbliebe auch die Auszahlung der Dividende. Aktionäre würden also erst einmal leer ausgehen.

Es könnte aber noch schlimmer kommen für manchen Aktionär: Einige Unternehmen benötigen gar keinen Dividendenbeschluss mehr, sie haben die Dividende bereits gestrichen – teils aus Vorsichtsgründen, um die Liquidität im Unternehmen zu halten, teils aber auch gezwungenermaßen. Eigentlich bezieht sich die Dividende auf das letzte Geschäftsjahr in 2019, und da haben die meisten Unternehmen noch üppig verdient. Die Politik macht jedoch Druck: Unternehmen, die Staatshilfe beantragen, sollen gefälligst keine Dividende ausschütten. Das betrifft – wenig überraschend - die Lufthansa, aber auch z.B. Adidas und der ein oder andere Automobilhersteller. Nächstes Problem: Wird die Dividende gestrichen, fällt in vielen Unternehmen auch die variable Vergütung für die Arbeitnehmer weg. Die Sache ist wie immer komplizierter als gedacht.

Unser Rat:
Durch den Kursverfall am Aktienmarkt ist bei vielen Unternehmen die Dividendenrendite in attraktive Höhen geschossen. Hier lohnt sich jedoch, genau hinzuschauen, ob diese Kennzahl hält, was sie verspricht. Es ist leider zu erwarten, dass in den nächsten Wochen vielfach die Dividenden gekürzt werden oder ganz ausfallen. Am meisten Verlass ist auf Unternehmen, die sich über Jahrzehnte hinweg durch eine berechenbare Ausschüttungspolitik auszeichnen – die sogenannten Dividenden-Aristokraten. Diese Kandidaten bevorzugen wir auch in unserem Einzelaktien-Anlagekonzept STARKE MARKEN.

Börsenhistorie: ein Crash-Vergleich

Crash-Zeiten

Mit einem Verlust von 42% in vier Wochen erlebt der deutsche Aktienindex DAX das schwärzeste Börsenkapitel in seiner 33-jährigen Geschichte. Nie zuvor stürzte er in so kurzer Zeit so stark ab. Und der Vergleich mit älteren Krisen mahnt zur Vorsicht.
Jeder Crash ist anders, doch bestimmte Mechanismen wiederholen sich. Sie zu vergleichen lohnt sich, auch um Signale für ein mögliches Ende der Talfahrt zu erkennen. Zwei Trends lassen sich ausmachen: Oft dauerte es nach Beginn eines Crashs nur wenige Wochen, bis die Kurse wieder ihr Ursprungsniveau erreicht hatten. Das macht Hoffnung für 2020. Aber nur auf den ersten Blick. Denn viele andere Börsenabschwünge weiteten sich nach einem ersten Crash zu einem langen und nervenzehrenden Abschwung aus. Dieser fiel stets umso stärker und länger aus, je höher die Aktien vor Beginn eines Crashs bewertet waren. Daran gemessen steht eine baldige Erholung auf wackligen Beinen.

Am häufigsten wird der aktuelle Börseneinbruch mit dem von der Lungenkrankheit SARS hervorgerufenen Crash vor 17 Jahren verglichen. Damals verlor der DAX zwischen seinem Hoch und Tief 33%. Also etwa ähnlich viel wie diesmal. Allerdings taugt der Vergleich kaum: Weit mehr als SARS strapazierte damals der drohende Golfkrieg mit der Truppenintervention der Amerikaner die Nerven der Anleger. Die Erholung ab März 2003 folgte prompt und nachhaltig, als sich ein rascher Sieg der Amerikaner und der verbündeten Staaten abzeichnete. SARS geriet in den Hintergrund. Obendrein waren Aktien bei Ausbruch der SARS-Epidemie Ende 2002 sehr niedrig bewertet, weil die Kurse bereits mehr als eineinhalb Jahre tief gefallen waren.

Computercrash 1987: Ein fallender Dollar-Kurs, das steigende Handelsbilanzdefizit der USA, die angespannte Lage im Nahen Osten und höhere Ölpreise lösten am 19. Oktober 1987 den "Schwarzen Montag" aus: Der Dow-Jones-Index verlor 22,6%. Der gerade ins Leben gerufene DAX brach um ein Viertel ein. Ursache des größten Tagesverlusts aller Zeiten waren nicht ausgereifte computergesteuerte Verkaufsprogramme. Erst 1989 erreichten die Kurse wieder ihr Vorkrisenniveau. Grund für die lange Zeit ausbleibende Erholung waren überteuerte Aktien: Gemessen an den Unternehmensgewinnen und dem bilanzierten Eigenkapital waren die Gesellschaften - und heruntergerechnet ihre Anteilsscheine - doppelt so hoch bewertet wie im langjährigen Durchschnitt. Das machte die Börsen anfällig für den Crash und den sich anschließenden "Bärenmarkt". Davon sprechen Börsianer, wenn die Indizes um mehr als 20% gegenüber ihrem Hoch verlieren.

Golfkrieg 1990: Aktien waren moderat bewertet, als nur ein Jahr später Iraks Diktator Saddam Hussein am 17. Juli 1990 seine Truppen in Richtung Kuwait schickte. Zunächst reagierten die Börsen gar nicht. Der DAX erreichte mit 1.966 Punkten sogar ein Allzeithoch. Anleger setzten auf ein Einlenken des Diktators und das diplomatische Geschick der USA und ihrer Verbündeten. Doch es kam anders. Die Iraker überrannten das kleine Emirat, der Krieg am Golf weitete sich zu einer internationalen Krise aus, die irakischen Ölexporte kamen zum Erliegen, und die USA bereiteten mit ihren Verbündeten die Operation "Wüstensturm" vor. Während dieser Unsicherheit verlor der DAX im Herbst 1990 ein Drittel seines Werts - erholte sich aber 1991 sofort wieder, als sich ein rasches Ende des Kriegs abzeichnete. Die Voraussetzungen für die nachhaltig positive Börsenentwicklung schufen das Ende der Sowjetunion samt kommunistischer Marktwirtschaft und die Euphorie um neue Absatzmärkte in Osteuropa.

Asien- und LTCM-Krise 1997/98: Kräftig gestiegen waren die Aktienkurse vor Ausbruch der nächsten beiden Krisen - allerdings in Einklang mit den seit Jahren rasant wachsenden Unternehmensgewinnen. Der Fall des Eisernen Vorhangs in Europa und die Öffnung Chinas eröffneten den westlichen Konzernen neue Ertragsperspektiven. Als die "Tigerstaaten" Südkorea, Thailand, Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Hongkong nach maßlosen Investitionen ausländischer Kapitalgeber und starkem Wachstum in eine Rezession fielen, reagierten internationale Investoren mit dem Abzug ihres Kapitals. Die Landeswährungen stürzten ab, der DAX brach im Frühherbst 1997 um gut 40% ein. Weil die USA ihr Wachstum aber weiter steigerten, beendeten die Börsen ihre Talfahrt und setzten ihre "Jahrhundert-Hausse" fort.
Diese wurde nur ein Jahr später durch die LTCM-Krise ein zweites Mal unterbrochen. Der milliardenschwere Fonds "Long Term Capital Management" und seine mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften dekorierten Direktoren finanzierten ihre Investments fast ausschließlich mit Fremdkapital. Weil sich, anders als spekuliert, die Zinsdifferenzen in verschiedenen Ländern ausweiteten und die LTCM-Manager mit großen Hebeln arbeiteten, geriet der Fonds in eine milliardenschwere Schieflage. Marktteilnehmer fürchteten den Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems. Im Herbst 1998 verlor der DAX fast die Hälfte.

Börsenboom 2000 und 1929: Die Notenbanken reagierten auf die LTCM-Krise. Sie retteten den Fonds und senkten die Leitzinsen. Das war der Startschuss für die Fortsetzung und das Finale der größten Hausse: des Booms um Internetaktien. In immer kürzeren Zeiträumen verdoppelten sich die Kurse. Wie im Boom 1929 wurden auch diesmal eigens Modelle entwickelt, um die neue Börsenwelt zu rechtfertigen. Unternehmen wurden nicht an Gewinnen, sondern an möglichen Umsätzen gemessen. "Der Konjunkturzyklus ist tot. Es lebe die neue Ära grenzenlosen Wachstums" war ein Slogan von 1929, der 1999 wörtlich wiederkehrte. Der Traum vom grenzenlosen Reichtum platzte 1929 und im Jahr 2000, weil sich immer höhere Erwartungen an die Unternehmen nicht erfüllten und weniger Anlegergeld die Börsen erreichte. Den Crashs von 1929 und 2000 folgte keine rasche Erholung. Beide Male waren Aktien extrem überbewertet. Gemessen am Eigenkapital und an den Konzerngewinnen waren die Dax-Konzerne und ihre Aktien im Jahr 2000 dreimal so teuer, wie es dem langfristigen Durchschnitt entsprach. 1929 waren die Überbewertungen an der Wall Street noch höher.
Immer neue Krisen inmitten des Börsenabschwungs – das World-Trade-Center-Attentat am 11. September 2001, Bilanzfälschungen großer US-Konzerne wie Enron und Worldcom und der Irak-Krieg - schwächten die Wirtschaft, untergruben das Vertrauen in die Börse und mündeten im "irrationalen Abschwung": dem Spiegelbild zum vorangegangenen und von Nobelpreisträger Robert Shiller so bezeichneten "irrationalen Aufschwung". In drei Jahren verlor der DAX 75%, der Neue Markt mit den Technologieaktien 98%.

Finanzkrise 2008: Fast so rasant wie im aktuellen Abschwung fielen die Kurse in der Finanzkrise 2008. Weil viele Unternehmen angesichts der Pleite der amerikanischen Großbank Lehman Brothers in eine Schockstarre verfielen, dabei Investitionen verschoben und Aufträge stornierten, stürzte die globale Wirtschaft ab. Ähnliches fürchten Anleger angesichts verhängter Reisebeschränkungen, Einreiseverbote, abgesagter Messen und Veranstaltungen, leerer Stadien und Cafés, gestörter Lieferketten und stillgelegter Produktionsstätten auch diesmal. Und noch etwas gleicht sich: Vor Ausbruch der Finanz- und der Corona Krise 2008 und 2020 waren die Aktienkurse jahrelang stärker gestiegen, als die Unternehmen es schafften, ihre Gewinne zu erhöhen. Setzen sich die Parallelen zwischen diesen beiden Krisen fort, dann wird die Virus-Krise die wirtschaftliche Entwicklung noch länger beeinträchtigen. Immerhin: Bis März 2009 verlor der DAX gegenüber seinem vorangegangenen Hoch 58%. Davon waren wir im bisherigen Corona-Crash-Tief gar nicht so weit weg.

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