n-tv: MSCI adelt China-Aktien - A-Aktien bleiben gefährlich!

Der weltweit führende Indexanbieter will künftig in China gehandelte A-Aktien in seinen Leitindex für Schwellenländer mit aufnehmen. Die Papiere aus Shanghai und Shenzhen bleiben trotzdem hochspekulativ. Lesen Sie hier mehr zum Gastbeitrag von Dr. Marc-Oliver Lux zum Thema "MSCI adelt China-Aktien", Dienstag, 19. September 2017

n-tv: Gastbeitrag von Dr. Marc-Oliver Lux

China entwickelt sich auch bei Geldgeschäften Schritt für Schritt zu einer Weltmacht. Vor wenigen Wochen gab der Indexanbieter MSCI bekannt, künftig auch chinesische Festlandsaktien, die sogenannten A-Shares, in den MSCI Emerging Markets mit einzubeziehen. Bei Papieren, die in Hongkong oder den USA gehandelt werden, also den sogenannten B-Aktien, ist das schon länger der Fall. Der jetzt folgende Aufstieg der A-Shares ist für Peking ein enormer Prestigegewinn - fast so etwas wie ein Ritterschlag.

Die Entscheidung von MSCI hat jedoch auch ganz praktische Auswirkungen. Viele Schwellenländerfonds orientieren sich am MSCI Emerging Markets. Daher werden sie künftig kaum umhinkommen, auch chinesische A-Aktien zu kaufen. Passive Indexfonds (ETFs) bilden den Index sogar nahezu eins zu eins nach. Die Nachfrage nach chinesischen Festlandsaktien dürfte also steigen.

Trotzdem dürften die Effekte zumindest anfangs überschaubar bleiben. Mit rund 3000 Aktien und einer Marktkapitalisierung von etwa 7,5 Billionen Dollar sind die chinesischen Festlandsbörsen nach den USA weltweit die Nummer zwei. Zurzeit beläuft sich das von Schwellenländerfonds verwaltete Vermögen auf 835 Milliarden Dollar, also gerade einmal ein gutes Zehntel des Börsenwerts von Shanghai und Shenzhen. Und davon dürfte auch nur ein Bruchteil in chinesische A-Aktien fließen.

Auf Sicht von zehn Jahren könnte der Anteil der A-Aktien die Quote der bereits enthaltenen B-Aktien aus Hongkong allerdings erreichen - und damit die Gewichtung Chinas im MSCI Emerging Markets auf mehr als 40 Prozent verdoppeln. Aber so weit sind wir noch lange nicht.

Außerdem war die Entscheidung des Indexanbieters von vielen Marktteilnehmern bereits erwartet worden. Bei der Verkündigung war die Index-Aufnahme an den Börsen teilweise schon eingepreist. Internationale Anleger hatten in den vergangenen Wochen zuvor auf die Benchmark-Anpassung gesetzt und massiv A-Aktien gekauft.

Über das sogenannte "Shenzhen-Hongkong Stock Connect"-Programm, das die beiden Handelsplätze verbindet, haben Investoren außerhalb Chinas im Mai netto A-Aktien im Wert von 2,9 Milliarden US-Dollar erworben. Laut Daten des Informationsdienstes Bloomberg entspricht das einem Plus von 56 Prozent zum Vormonat. Die schon im Vorfeld als Aufnahmekandidaten gehandelten Aktien gehören allesamt zu den Blue Chips, die mit Hilfe des Connect-Programms auch für Ausländer zugänglich sind.

Schließlich wird die Anpassung des MSCI Emerging Markets nicht sofort erfolgen, sondern erst im Mai und im August 2018. Und es wird nur ein Teil der chinesischen Festlandsaktien in den MSCI Emerging Markets aufgenommen. Somit werden nicht alle chinesischen Festlandsaktien von der Umstellung profitieren.
Hohe Volatilitäten

Anleger sollten zudem bedenken, dass es sich bei den Börsen in Shanghai und Shenzhen noch nicht um so "erwachsene" Finanzmärkte wie in den USA oder Europa handelt. Die chinesischen Börsen werden von Privatanlegern dominiert, die häufig auch noch auf Kredit spekulieren. Die Bank of America schätzt, dass Papiere mit einem Volumen von rund 800 Milliarden Euro verpfändet sind. Wenn die Kurse wieder einmal kräftiger fallen, können Zwangsverkäufe die Abwärtsbewegung beschleunigen.

Erinnert sei an den Crash im Sommer 2015 als der Shanghai Composite innerhalb von drei Monaten von mehr als 5000 auf weniger als 3100 Punkten gefallen ist. Auslöser waren plötzlich aufgekommene Konjunktursorgen. Peking reagierte unter anderem damit, dass 1300 Aktien vom Handel ausgesetzt wurden, also mehr als ein Drittel der auf dem Festland börsennotierten Aktien.

Schließlich kann bis zur MSCI-Aufnahme im kommenden Jahr die weltweite Börsenhausse an ihre Grenzen gestoßen sein und die aktuelle Kauflaune der Anleger verfliegen - vor allem aufgrund der straffer werdenden US-Geldpolitik, die mehr als acht Jahre lang nicht nur an der Wall Street maßgeblich die Aktienkurse nach oben getrieben hat.

Quelle: n-tv Gastbeitrag von Dr. Marc-Oliver Lux