Anlegerbrief September 2022

Börse aktuell: EZB zieht mit riesen Satz nach

Sehr geehrter Anleger,

rauf – runter – rauf – die Börse spielt Jo-Jo. Für die Notenbankzinsen gibt es dagegen nur eine Richtung: weiter kräftig nach oben.
Lesen Sie außerdem, warum es mit dem Euro abwärts geht, und warum man die EU-Taxonomie kaum mehr ernst nehmen kann.

 

Börse aktuell: EZB zieht mit riesen Satz nach

Der Börsensommer war in diesem Jahr entgegen dem schlechten Nachrichtenumfeld freundlich – aber zu kurz. Fielen im Juni die Kurse noch wie Hagel vom Himmel, so konnten die Aktienmärkte bis Mitte August einen Großteil der Juni-Verluste wieder wettmachen. Viel mehr war aber nicht drin, denn dann kam Jackson Hole. Die sechswöchige Bärenmarktrallye wurde in nur zwei Wochen wieder ausradiert. Der deutsche Aktienindex DAX fiel zum dritten Mal zurück auf seine Jahrestiefstände. Der mittelfristige Abwärtstrend ist weiterhin intakt, auch wenn die Kurse seit September einen erneuten Anlauf nach oben machen. Wie ein Jo-Jo springt die Börse zurzeit auf und ab. Aber erst dauerhafte Kurse über 13.800 im DAX könnten die bestehenden Abwärtsrisiken ausschalten.

Die weitere Zukunft sieht aber gerade an der Zins- und Inflationsfront nicht rosig aus. Insbesondere beginnt nach der Urlaubszeit das Katz- und Maus-Spiel zwischen Markt und Notenbank neu.
US-Notenbankchef Jerome Powell hat auf dem jährlichen Notenbank-Treffen in Jackson Hole die Anleger auf längerfristige Turbulenzen eingestellt und signalisiert, dass er der Bekämpfung der immer noch viel zu hohen Inflation den Vorzug gibt – auch zu Lasten der Wirtschaft. „Wir hören nicht auf, bis wir am Ziel sind“, stellte Powell klar und gab damit der Sommerrallye den Dolchstoß. Die US-Notenbank sei fest entschlossen, die Inflation zurück zu ihrer Zielmarke von zwei Prozent zu bringen.
Ein Rückgang der Vermögenspreise sei gewünscht - das lässt aufhorchen. Insofern muss man davon ausgehen, dass die US-Notenbank Fed die Zügel weiter kräftig anzieht – wohl mehr, als dies der Markt aktuell noch wahrhaben will. Renditen von 5% in den zehnjährigen US-Staatsanleihen im nächsten Jahr rücken in den Bereich des Möglichen (aktuell: 3,30%). Selbst die starken US-Aktienmärkte wird das nicht kalt lassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die US-Wirtschaft in eine Rezession getrieben wird, steigt weiter. Der Einkaufsmanagerindex der Notenbank von Philadelphia für die dortige Industrie ist von minus 3,3 Punkten auf minus 12,3 Punkte kollabiert. Damit sendet einer der wichtigsten Frühindikatoren für die US-Wirtschaft ein starkes Signal, dass die Rezession bereits begonnen haben könnte. Powell artikulierte sich überraschend deutlich zu den Folgen seines harten geldpolitischen Kurses. So würden steigende Zinsen zu einer Phase schwächeren Wachstums führen und zu höherer Arbeitslosigkeit. Aber nur so könne die Inflation bekämpft werden. „Das wird auch etwas schmerzhaft für Haushalte und Unternehmen sein.“

So wird man von jeder kommenden Notenbanksitzung Zinserhöhungen erwarten dürfen. Die EZB beendete die Sommerpause diese Woche als erste. So zögerlich Lagarde über lange Zeit war, die Realität hat sie eingeholt. Schon bei der letzten Sitzung vor dem Sommer fiel die erste Zinserhöhung seit 11 Jahren mit +0,50% höher aus als gedacht, jetzt gerade kamen sogar nochmal 0,75% oben drauf. Nur weil es vorher bereits durchgesickert war, war man nicht ganz so überrascht. Negativzinsen sind damit endgültig Geschichte.
Die Kommunikation der EZB bleibt jedoch eine Katastrophe: Noch Ende 2021 hatte Lagarde gesagt, dass sie trotz der auf bereits +5% gestiegenen Inflation keine Zinserhöhungen für das Jahr 2022 erwarte. Nach weiteren sechs Monaten Zuwarten drehte sich die EZB jedoch von jetzt auf gleich um 180 Grad und setzte die Zinsschritte gleich viel höher als signalisiert an.
Der Versuch, die Märkte mit der sogenannten Forward Guidance, also dem Zinsausblick, zu steuern, ist endgültig gescheitert. Der Inflation war die Forward Guidance schnuppe. Auch musste man bei der EZB zugeben, die Inflationsentwicklung komplett falsch eingeschätzt zu haben. Peinlich, peinlich. Aktuell fährt die EZB – wie sie selbst sagt - auf Sicht. Hoffentlich sehen sie das Richtige; ansonsten steht zu befürchten, dass sie die Märkte mit weiteren unerwartet großen Zinsschritten eher erschrecken, nur um den Amerikanern nachzueifern.

Währungen: Euro down

Euro down

Es war ein Einbruch mit Ansage: Der Euro hat in den letzten Wochen zum US-Dollar die Parität erreicht. Zu viele Faktoren lasteten zuletzt auf der Gemeinschaftswährung.
Aber ganz besonders ist es die Zaghaftigkeit und Unentschlossenheit der Europäischen Zentralbank, die den Euro derart unter Druck brachte.
Schon lange vor dem Kriegsbeginn in der Ukraine war die Inflation stark erhöht, weit über dem Inflationsziel der EZB in Höhe von 2% p.a.

In Frankfurt hieß es aber immer: Die hohe Inflation sei nur ein vorübergehendes Phänomen. Auch als Ökonomen und Zentralbanker in anderen westlichen Ländern stark abweichende Ansichten kundtaten und auch ganz anders handelten, ließ man sich im EZB-Rat davon nicht groß beeindrucken. Die Kombination aus einem extrem taubenhaften und äußerst prognoseschwachen Chefvolkswirt (Philip Lane) und einer geldpolitisch unerfahrenen EZB-Präsidentin (Christine Lagarde) war unheilvoll. Die mahnenden Köpfe im EZB-Rat werden jetzt zwar offensichtlich wieder stärker gehört, aber die Reihen sind gelichtet. Der alte Bundesbankchef Weidmann gab ebenso entnervt auf, wie schon zuvor sein Vorgänger Axel Weber.

Als EZB-Chefin Lagarde äußerte, es sei eine "nützliche Übung", nun die Ursachen für die gemachten Fehler zu analysieren, wirkte das wie Hohn. Trotz vielfacher Mahnungen war die EZB-Zinspolitik schon lange nicht mehr angemessen, ja sogar realitätsverweigernd, vor allem im internationalen Vergleich.
2012, auf dem Höhepunkt der Eurokrise, sagte Mario Draghi: "Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the Euro. And believe me, it will be enough.” So ein Satz würde heute nur noch belächelt werden, denn die EZB hat viel an Glaubwürdigkeit verspielt.

Insofern ist es schon fast ein Wunder, dass der Euro nicht noch schneller fällt. Die Zinsschere zwischen USA und Europa geht nämlich immer weiter auseinander, selbst nach dem jüngsten Zinsschritt der EZB. Sein Geld in US-Staatspapieren anzulegen wird bei Renditen nahe 4% immer interessanter. Das Geld fließt zurück in den Dollar.
Für den Euro sind eher weiter fallende Kurse wahrscheinlich. Die nächsten Marken liegen bei 0,95 und tiefer zum Dollar. Nennenswerte Chance auf Erholung? Erst mal Fehlanzeige. Es wird wohl eher Jahre dauern, bis sich da wieder ein Aufwärtstrend zum Dollar etablieren kann. Mit Dollar-Anlagen wird man in der nächsten Zeit besser bedient sein, auf der Zinsseite, aber wohl auch auf der Aktienseite.

EU-Taxonomie: Ritterschlag für Gas und Atomkraft

Atomkraft ESG-konform

Das Europäische Parlament hat dafür gestimmt, dass Investitionen in Gas- und Atomenergie unter bestimmten Bedingungen als nachhaltig eingestuft werden können. Demnach konnten sich die Gegner der entsprechenden Pläne bei der Abstimmung im Parlament nicht durchsetzen.
278 Abgeordnete votierten im Plenum in Straßburg für eine Blockade der Aufnahme von Erdgas und Atomenergie in die Taxonomie. Es gab 328 Gegenstimmen und 33 Enthaltungen. Um das Vorhaben zu blockieren, wäre eine absolute Mehrheit von 353 der 705 Abgeordneten nötig gewesen. Damit gelten Gas- und Atomstrom nun als umweltfreundliche Technologien im Sinne der EU-Taxonomie.

Die Taxonomie ist ein Klassifikationssystem, das private Investitionen in nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten lenken soll. Bevor die Technologien Gas und Atomkraft aber tatsächlich ein "Öko-Siegel" erhalten, müssten noch juristische Schritte abgewartet werden. Österreich und Luxemburg hatten vor der Abstimmung im EU-Parlament angekündigt, gegen die Taxonomie zu klagen, sollten Gas- und Atomenergie als nachhaltig klassifiziert werden.

In der Investment- und Fondsbranche stößt das Ergebnis der Abstimmung auf große Kritik. Viele Nachhaltigkeitsfonds schließen gerade Atomstromproduzenten seit vielen Jahren aus ihrem Fondsuniversum aus, was angesichts der Katastrophenrisiken bei Atomkraftwerken und der nicht gelösten Frage der Endlagerung ja Sinn macht.
Frankreich jedoch will als größter Atomstromproduzent Europas seine Energieversorger schützen, und so wird aus politischen Gründen die Glaubwürdigkeit der EU-Taxonomie aufs Spiel gesetzt. Der Anspruch, globaler Vorreiter beim Setzen von Nachhaltigkeitsstandards zu sein, lässt sich so wohl kaum einlösen. Wünschenswert wäre eigentlich, dass sich die EU-Taxonomie strikt an wissenschaftlichen Kriterien orientiert, stattdessen werden immer mehr politische Interessen mit Anlageentscheidungen in nachhaltige Produkte vermengt.

Unsere Meinung:
Die EU-Taxonomie ist totaler „Bullshit“. Die Abstimmung im EU-Parlament ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass dieses bürokratische Nachhaltigkeitsmonster völlig an der Realität vorbeigeht und für Anleger eher kontraproduktiv ist. Die ganze Thematik ist zwar politisch gewollt, von machen Kunden vielleicht auch gewünscht, aber aktuell ist das ganze Konstrukt mangels nachvollziehbarer Guidelines und wegen überbordender Administration für Investoren zum Scheitern verurteilt.
Was als „nachhaltig“ anzusehen ist, liegt ja oft auch im Auge des Betrachters. Man wird es nicht allen recht machen können. Zu radikale Ansätze vermindern das Investitionsspektrum so stark, dass keine sinnvolle Streuung mehr möglich ist. Bei Kompromiss- und Best-in-Class-Lösungen wird man einige zweifelhafte Kröten im Depot in Kauf nehmen müssen.

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